Verlorene Nachbarschaft

 

Wien - Neudeggergasse 1998

 
Das Projekt "VERLORENE NACHBARSCHAFT"

In der Neudeggergasse im achten Wiener Gemeindebezirk steht ein karger, dunkelgrau verwitterter Gemeindebau. In der sogenannten „Nachkriegszeit" erbaut, mit spärlichen Mitteln, in Eile, ohne einen Blick nach links und rechts, ohne einen Blick zurück. An dem Gemeindebau ist eine Tafel befestigt. Man kann lesen, daß hier eine Synagoge stand, die im November 1938 zerstört wurde. Wir, der Verein „Interessensgemeinschaft Neudeggergasse", sind Nachbarn und Nachbarinnen. Wir wollten ein Zeichen des Gedenkens wie des Respekts und der Erinnerung an die verlorene Nachbarschaft setzen.

Wir wollten diesen einst mächtigen Bau mit seinen beiden 38m hohen Türmen wieder erstehen lassen. Nicht auf Dauer, nicht dreidimensional, sondern plan, für sechs Wochen, als Bild auf einer Folie, zweigeteilt, den Riss in der Geschichte symbolisierend.

Für kurze Zeit sollte der Ort, an dem die Synagoge stand, wieder ein Zentrum der Liturgie, der Besinnung, der Begegnung werden. Die meisten unserer jüdischen Nachbarn und Nachbarinnen sind nicht mehr am Leben. Wir wollten mit diesem Projekt eine Zeit ins Bewußtsein rücken, in der es noch eine gemeinsame Gegenwart und eine gemeinsame Geschichte gab. Die Synagoge wurde am 1. Oktober 1998, dem Tag nach Yom Kippur, dem „Tag der Versöhnung", mit einem Fest „eröffnet". Vor der Synagoge sand ein Zelt, ein flüchtiger Ort, eine Schutzhaut, die man mitnehmen kann. Es ist ein Ort des Kommens und Gehens. Ein Ort des Wortes. Menschen, die früher einmal hier lebten, haben wir eingeladen, zu uns zu kommen, in das Zelt und zu erzählen von früher, als sie noch unsere Nachbarn waren. Manche haben wir besucht und ihre Erinnerungen auf Video aufgenommen. Und wir wollten Nachbarn und Nachbarinnen aus dem Bezirk einladen, ihre Erinnerungen mit-zu-teilen... einer des anderen Nachbar... Bis zum 9. November sollte die Synagoge ein Ort der persönlichen Begegnung werden, ebenso wie zum Zentrum literarischer, musikalischer und historischer Veranstaltungen. Eine Ausstellung des Josefstädter Bezirksmuseums ergänzte das Projekt „Verlorene Nachbarschaft - Die Synagoge in der Neudeggergasse". Eine Broschüre und ein abschließendes Buch sollten der Erinnerung Stabilität und Dauer verleihen. Eine angemessene Verbreitung wurde durch einen Dokumentarfilm gesichert. Am Abend des 9. November 1998, sechzig Jahre nach der Nacht des Pogroms, der „Reichskristallnacht", wurde im Rahmen einer stillen Feier des Gedenkens Abschied genommen. Es galt, die verlorenen Nachbarn nicht wieder zu verlieren.

Die Synagoge in der Neudeggergasse muß ein über die Maßen imposanter Bau gewesen sein. Zweimal so groß wie die größeren Häuser dieser kleinen, beschaulichen Gasse. Ihre Türme haben in den Himmel geragt. Die Synagoge war nicht für diesen Ort geplant. Die Wahl diese Ortes war - nach jahrelanger vergeblicher Suche - ein Kompromiß.
Die Synagoge selbst erzählt eine Geschichte. Von der Suche nach Raum und Räumen, vom Willen zur Selbstbehauptung und Selbstdarstellung.

Im Zelt fanden im Rahmen regelmäßiger Veranstaltungen (dreimal wöchentlich) Begegnungen zwischen eingeladenen Gästen aus dem In- und Ausland - Juden und Jüdinnen, die von hier fliehen mußten - und Menschen, die heute hier leben, statt.

Ein Abend pro Woche wurde künstlerischen Veranstaltungen mit jüdischer Musik und Literatur gewidmet.

Zu Projektende wurde die Synagoge in einem feierlichen Akt verdunkelt. Kurz darauf wurde sie demontiert.

Ein äußerlich flüchtiges Projekt. Nachhaltig der Anspruch, ein kleines Stück gemeinsamer Geschichte im kollektiven Gedächtnis der Stadt zu verankern.


Veranstaltungsprogramm 1998

1. 10. 1998 bis 9. 11. 1998
Veranstaltungen jeden Dienstag, Donnerstag, Sonntag um 19 h im Veranstaltungszelt vor der Synagoge Neudeggergasse 12 - 1080 Wien

1. 10. 98
ERÖFFNUNG
"Emigration - Flucht - Deportation" - Archivfilme und Erzählungen von EmigrantInnen (Video) Lena Rothstein: "Staub von Städten" Text: Anna Krommer, Musik: Erwin Schmidt Genesis des Projekts
Wolfgang Gasser und Lena Rothstein: "Die ersten Schritte" - aus Briefen der künftigen Gäste Dan Bar-On (Israel): "Das Leben - eine Überraschung"
Lena Rothstein: "Dreimal Rosinen und Mandeln" Text und Musik: Jimmy Berg Wolfgang Gasser: "Auswanderer" von Berthold Viertel
Dr. Elieser L. Edelstein (Israel): "Erinnern, vergeben"
Kulturstadtrat Dr. Peter Marboe und Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg: Eröffnung Zewulon Kwartin: Komposition anläßlich der Tempeleröffnung 1903
Oberkantor Shmuel Barzilai , Klavierbegleitung Andrei Roth

4. 10. 98
VORTRAG
"Der Tempel"
Jüdische Tempel in Wien und ihre Zerstörung in der Pogromnacht
Dr. Pierre Genée und Dr. Robert Streibel
(Akustische und Filmische Dokumentation)

6. 10. 98
LESUNG
Thema: Hugo Bettauer:
Aus "Der Kampf um Wien", "Das entfesselte Wien", "Die Stadt ohne Juden" und journalistischen Arbeiten Mit: Stephan Paryla und .................

8. 10. 98 1. Gästeabend*
"Kinderleben"
... in Familie, Schule und auf Spielplätzen, mit Freunden und Freundinnen vor dem "Anschluß" und danach Mit: Dan Bar-On (Jerusalem, Israel), Dr. Gerda Lederer (New York, USA)

11. 10. 98
MUSIKALISCHER ABEND
"Ausgerechnet Bananen. Eine Hommage an Fritz Löhner-Beda"
Ein literarisch-musikalisches Programm nach der Idee von Herbert Zotti in Zusammenarbeit mit dem Wiener Volksliedwerk Gerhard Bronner, Steffi Paschke, Helmut Peschina

13. 10. 98
VORTRAG und VIDEO
"Wer hat hier gelebt?"
Dr. Elfriede Faber
"Jüdische Kultur in Wien" (Video)

15. 10. 98 2. Gästeabend*
"Rund um die Synagoge"
... aus dem Blick von Kindern und Jugendlichen
Lucie Benedikt (New York, USA), Bruno Kuhmerker (Albany, USA), Kurt Reiss (Hajogev, Israel)

18. 10. 98
KONZERT
"Was suchst du noch, du bist hier fremd ..."
Lieder, Chansons und Texte von Jura Soyfer, Jimmy Berg und anderen
Lena Rothstein, Krzysztof Dobrek ( Ziehharmonika), Aliosha Biz (Geige)
Einführung: Trude Berg, Witwe Jimmy Bergs

20. 10. 98
KONZERT
Kantoralmusik von Zewulon Kwartin und anderen Wiener Kantoren
Oberkantor Shmuel Barzilai, Klavierbegleitung Andrei Roth
Durch das Programm führt Akiva Zimerman (Jerusalem)

22. 10. 98 3. Gästeabend*
"Vom Einmarsch zum Pogrom"
Wie alles anfing ... aus der Sicht derer, die nicht gejubelt haben
Dr. Elieser L. Edelstein (Jerusalem, Israel), Anny Kelemen (New York, USA)

25. 10. 98
LESUNG
Thema: Assimilation
Texte von Felix Salten, Berthold Viertel, Emil Lucka u.a.
Mit: Wolfgang Hübsch und Mercedes Echerer
Einführung: Werner Rotter

27. 10. 98
KONZERT
Kammermusik von Alexander Zemlinsky
Roger Salander, Klarinette; Patrick Dheur, Klavier; Martin Hornstein, Violoncello


29. 10. 98 4. Gästeabend*
"Flucht und Emigration"
Wie kam man aus dem Land heraus - und wie in ein anderes hinein?
Ernst Otto Allerhand (Buenos Aires, Argentinien), Guillermo Prochnik (Buenos Aires, Argentinien), Lore Segal (New York, USA)

1. 11. 98
LESUNG
Thema: Erinnerung
Texte von Elisabeth Freundlich, Felix Salten, Rudolf Kalmar
Mit: Christiane Hörbiger, Toni Böhm, Thomas Stolzetti

3. 11. 98
VORTRAG
"Antisemitismus in den 20-er und 30-er Jahren in Wien"
Prof. Dr. Erika Weinzierl
"Die Erfahrung der Emigration an Beispielen aus Israel, USA, Argentinien"
Mag. Sabine Schweitzer

5. 11. 98 5. Gästeabend*
"Die alte Heimat heute"
Wien nach 1945 aus der Sicht von EmigrantInnen
Curtis L. Brown (Neenah, USA), Konrad Eres (Haifa, Israel), Dr. Robert Rosner (Wien)

8. 11. 98
VIDEO UND VORTRAG
"Abschiede: Emigration - Flucht - Deportation" (Video)
Aus der Sicht der Betroffenen - aus der Sicht der damals Herrschenden
Gestaltung: Käthe Kratz
"Erinnern als Herausforderung" - Vortrag von Prof. Dr. Elieser L. Edelstein

9. 11. 98 - 18 Uhr
GEDENKVERANSTALTUNG
"Wien-Blicke" von EmigrantInnen vor ihrem Besuch (Video-Montage)
Karin Schön: "Was ich sah und hörte" - Aus einem Projekt-Tagebuch
Curtis L. Brown (USA): "Verlorene Nachbarschaft - eine Erfahrung und ihre Folgen" Petra Morzé und Peter Uray: "Briefe an Österreich" - EmigrantInnen nach ihrem Wien-Besuch
Erich Zeisl: "Requiem Ebraico" (1945) - Öst. Erstaufführung - Kantoralensemble Wien; Solisten: Anat Efraty (Wr. Staatsoper), Sopran; Edna Prochnik, Alt; Boaz Daniel (Wr. Staatsoper), Bariton; Anton Holzapfel, Orgel; Dirigent: Rami Langer

Gedenkrede: Nationalratspräsident Dr. Heinz Fischer
Anat Efraty: Schlußlied
Verdunkelung der Synagoge
Moderation: Barbara Rett

*Gesprächsrunden mit eingeladenen EmigrantInnen und mit remigrierten Juden und Jüdinnen aus dem 7. und 8. Bezirk

Jedes Programm wird mit einem 15-minütigen Videobeitrag mit Erinnerungen ehemaliger jüdischer NachbarInnen zum jeweiligen Thema eingeleitet.

Täglich ab 12.00:
GESCHICHTEN AM NACHMITTAG, Erinnerungen von EmigrantInnen (Videos)
Vor jeder Veranstaltung: "Wie ich es sah" (15-minütiges Video mit EnigrantInnen)

DER EINTRITT ZU ALLEN VERANSTALTUNGEN IST FREI

Musikprogramm: Primavera Gruber / Orpheus Trust
Literaturprogramm: Werner Rotter / Österreichisches Literaturarchiv
In Zusammenarbeit mit: Jewish Welcome Service
Gesamtleitung: Käthe Kratz, Dr. Hans Litsauer, Arch. Dipl. Ing Georg Schönfeld


HUGO BETTAUER
1878 - 26. 3. 1925
Redaktion: Lange Gasse 5 - 7

Das bewegte Leben Hugo Bettauers verlief am Rand der literarischen Szene Wiens, im Umfeld der kulturellen Bewegung seiner Zeit und schließlich im Zentrum des politischen Interesses einer mit Vorurteilen durchsetzten Öffentlichkeit. So meldete er sich 1895 freiwillig zum Militär, desertierte, flüchtete in die Vereinigten Staaten von Amerika. In New York erlebte er Arbeitslosigkeit und die Früchte eines bescheidenen Ruhms als Journalist in einer Zeitung der Hearst-Gruppe. Es wurde sogar behauptet, daß er in New York bekannter gewesen sei, als in Wien. Später kehrte er zunächst nach Europa zurück und ließ sich in Deutschland nieder. Kaiser Franz Josef erließ anläßlich seines 75. Regierungsjubiläums eine Amnestie, die Bettauer eine Remigration nach Wien erlaubte.

Bettauer war zuallererst ein "homo politicus", ein Sozialdemokrat, der Literatur benutzte, seine Anschauungen einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Er bevorzugte das Genre des Kriminalromans. Die Themen der Wirtschaftskrise, Börsenspekulation, die ‚hohe' Politik und die Gosse kehren in seinen Werken immer wieder, einander kontrastierend.

Das Besondere an Bettauers Arbeiten sind die hohe Sensibilität der gesellschaftlichen Geschlechterhierarchie und dem Antisemitismus gegenüber. Prostitution, Abtreibungsproblematik und Promiskuität kommen bei ihm jenseits der moralischen Bewertung ausschließlich als soziale Phänomene vor. Bettauer, der genauso wie Adolf Hitler die antisemitischen Parolen in der Nationalversammlung vor dem ersten Weltkrieg genau registrierte, erkannte die Brisanz dieses Themas, noch bevor es zu jener Realität wurde, die Österreich noch bis zum heutigen Tag beschäftigt.

Vier Romane bilden in losem Zusammenhang die "vier Wienromane": "Die freudlose Gasse", "Das entfesselte Wien", "Der Kampf um Wien" und "Die Stadt ohne Juden". Er gründete und redigierte die Zeitschrift "Er und sie", mit der er die sozialen Bedingungen für die Unterdrückung von Frauen anprangerte und versuchte, ein Forum für alternative Lebensformen zu schaffen. Schon nach der fünften Nummer mußte er sich für dieses Unterfangen einem Pornographie-Prozeß stellen, wurde jedoch freigesprochen. Am 25. April 1925 drang der national fanatisierte Zahntechniker Otto Rothstock in die Redaktion der Folgezeitschrift "Bettauers Wochenschrift" ein und erschoß Bettauer.

Anton Kuh, selbst Zielscheibe von Bettauers Spott, bezeugte nachträglich die Bedeutung dieses Mordes als Zeichen, das auch sein Leben bedrohte.


Zitate

An den Gästeabenden zwischen 1. Oktober und 10. November 1998 werden die Zeitzeugen Ernst Otto Allerhand, Dan Bar-On, Lucie Benedikt, Curtis L. Brown, Käthe Ehrenfest, Konrad Eres, Anny Kelemen, Bruno Kuhmerker, Gerda Lederer, Herr Prochnik, Kurt Reiss und Lore Segal aus Buenos Aires, Albany, Neenah, New York, Jerusalem, Hajogev und Haifa in der Neudeggergasse über ihre Erinnerungen erzählen, um das Leben und Leiden der jüdischen Gemeinschaft in der Wiener Josefstadt als ein wichtiges Stück gemeinsamer Geschichte im Gedächtnis der Stadt zu verankern.

Curtis L. Brown, Neenah, USA:
„Man kann einen Menschen aus Wien herausnehmen, aber nicht Wien aus einem Menschen."

Dan Bar-On, Hajogev, Israel:
„Das erste Mal, daß mir bekannt wurde, daß ich ein Jude bin, daß ich einen Buckel hab, war in der Volksschule. Die Kinder haben irgend etwas gerufen, "Dreckjud" oder irgend etwas. Ich wußte nicht genau, was das ist, aber habe verstanden, daß das nichts Schönes ist. Ich hab es dem Lehrer gesagt, aber der hat natürlich nichts weiter gemacht. Bis heute verfolgt mich dieses Gefühl, - ich habe es, wenn ich daran denke, daß mich damals jeder auf der Straße mißhandeln konnte und nichts wäre ihm passiert. Es ist für mich zum Guten ausgegangen. Ich habe meinen Weg gefunden, jetzt fühle ich mich zu Hause. In Österreich war ich ein Österreicher mit einem Buckel; hier fühle ich mich als Israeli in meinem Land - es gehört mir und der Buckel ist weg."

Felix Friedenbach, Buenos Aires, Argentinien:
"Was würden Sie tun, wenn heute auf einer Parkbank steht, Chinesen dürfen sich nicht hinsetzen? Ich würde mich vor den Konsequenzen nicht fürchten, ich würde das abwischen oder abmontieren. Ja, dann sollen sie mich einsperren oder ein bißchen strafen, oder was sie wollen. Es gibt Grenzen, die das Gewissen nicht ertragen kann. Wie kann ich das erklären? Wenn man einem von heute auf morgen den Boden unter den Füßen wegzieht - Sie sind jemand, dann existieren Sie nicht mehr - Freiwild - Wie kann das sein? Was nie zugeheilt ist, ist meine unglückliche Liebe zu Wien. Der Wiener ist eine ganz besondere Melange, etwas ganz Besonderes. Ich hab in Bolivien und in Argentinien nicht Fuß gefaßt - warum mußte ich leben wie eine Pflanze, die ausgerissen wird und woanders nicht mehr Fuß fassen kann. Das Geschäft wurde arisiert, das Haus wurde arisiert - arisiert heißt wegnehmen. Ich hätte meinen Wohnsitz gern in Wien, aber ich habe Angst, daß ich meine Identität aufgeben müßte."

Lore Segal, New York, USA:
„Kurz nach dem Anschluß hat man alle arischen Kinder in die Vorderbänke gesetzt. Zwei Reihen waren leer, daß die schlechte Luft nicht nach vor kommt. Die jüdischen Kinder saßen in den hintersten Bänken."

Anny Kelemen, New York, USA:
„Die beste Freundin meiner Mutter hieß Ada; sie waren miteinander groß geworden. Als Hitler kam und sie Ada anrief, sagte die Freundin, ruf mich nicht mehr an, wir wollen mit Dir nichts mehr zu tun haben! Wir wollen mit Juden nichts zu tun haben. Ich kam von der Schule und fand meine Mutter bitterlich weinend. Das ist die Erinnerung, die ich hatte von christlicher enger Freundschaft. In der Schule durften die Kinder nicht mehr mit uns sprechen. Am nächsten Tag hat uns die Lehrerin, wenn wir die Hand hoben, nicht mehr gerufen. Am dritten Tag waren wir „Nicht-Menschen". Es war perfekt. Es war, als ob wir nicht existierten. Ich hatte nur einen Wunsch, daß dieses Land sagen sollte, „Es tut uns schrecklich leid, wir haben Schreckliches geschehen lassen, wir wollen uns entschuldigen." Jetzt ist es passiert. Ich glaube, es muß viele Menschen geben, die so wie ich nichts anderes wollten. Die wollen kein Geld. Wir wollen nur das Wissen, daß irgend jemand dort, der Staat, sagt, „Ihr wart Bürger dieses Landes, ein Teil des Landes, man hat Euch verstoßen, das war eine schrecklichen Sache. Wir wollen das, wie wir nur können wieder gut machen. Inzwischen wollen wir uns entschuldigen."


Assimilation

Assimilation, so umstritten dieses Thema auch heute noch ist, muß in der Differenzierung gesehen werden, die diese Problematik verdient. Als Beispiele dienen am Vorabend zum Nationalfeiertag Texte, die den Liberalismus (Salten), das Bildungsbürgertum (Lucka) und den Sozialismus (Viertel) repräsentieren.
Der Diskurs über Assimilation erschöpft sich zumeist im verallgemeinernden Disput des Für und Wider. Dieser Abend ist ein Versuch, nicht nur die Personen zu beleuchten, die sich assimiliert haben, sondern auch auf eine Gesellschaft, die mit normativen Vorgaben das Maß bestimmt, mit dem sie strukturelle Gewalt einsetzt.

Es ist innerhalb des gesamten Programms sicherlich einer der anspruchsvollsten Abende, jedoch einer der ansprechendsten zugleich. Das Duo Wolfgang Hübsch und Mercedes Echerer spannt einen Bogen von der Lueger-Zeit bis zu den Analysen Berthold Viertels, die im Exil entstanden. Die scheinbare Mixtur aus Prosa, Essays und Versen zieht eine Spur zwischen Selbstbewußtsein und Selbstverleugnung.

Felix Salten (Siegmund Salzmann) 6.12.1869 - 8.10.1945, Kochgasse 22

Wann immer der Name Salten fällt, wird er mit Josefine Mutzenbacher assoziiert, und wenn nicht mit dieser, so mit Walt Disneys Zeichentrickfilm "Bambi". Zwischen den Extremen Pornographie und Kinderbuch scheinen seine bedeutenderen Verdienste noch immer nicht ausreichend gewürdigt zu sein.

Mit Hermann Bahr und Arthur Schnitzler begründete Salten das "Jung-Wien", mit dem die Moderne im Wien des Fin de Siècle begann. Salten versuchte sich erfolgreich in der kleinen Form des Porträts. Seine Schilderungen der Lueger-Zeit und die Charakterisierung von Sissi/Elisabeth weisen ihn auch als klaren Analytiker seiner Gegenwart aus.

Salten gehörte zu den wenigen Schriftstellern, die ein ‚Coming Out' als Zionist wagten.

Emil Lucka 11.5.1877 - 15.12.1941, Florianigasse 30

Emil Lucka kann als Vertreter der Assimilation in bildungsbürgerlicher Variante gelesen werden. 1901 verließ er die israelische Kultusgemeinde, da er sich der germanischen Kultur, laut Eigenaussage, verbunden fühlte. Seine Rezeption Otto Weiningers und die kulturtheoretischen Essays geben Einblick in eine Persönlichkeit, die den Identitätswechsel nur mit großen Verdrängungsaufwand bewältigen konnte. Neben Heimatromanen verfaßte Lucka auch Bücher zu historischen Themen.

Berthold Viertel 28.6.1885, Wien - 24.9.1953, Wien Kaiserstraße

Berthold Viertel ist vor allem als Theater- und Filmregisseur bekannt. Er arbeitete schon vor seiner Emigration zwischen 1928 bis 1932 in Hollywood und New York. Sein einziger Roman "Das Gnadenbrot" handelt von den Identitätskrisen eines alternden Schauspielers. Sein Versuch, in Österreich einen Lyrikband zu veröffentlichen, scheiterte an der Machtergreifung Hitlers - die Druckvorlagen wurden vernichtet. Die Vertreibung aus Österreich führte ihn über London nach New York. Die in der Emigration entstandenen Werke reflektieren sein Judentum, seine Konflikte mit dem Antisemitismus der österreichischen Spielart aber auch seine ablehnende Haltung gegenüber dem Bürgertum.


Erinnerung

Die gesamte Veranstaltungsserie umspannt das Thema Erinnerung. Erinnerungen sind authentisch und für jede Person wahr. Die Widersprüche entstehen erst im Dialog. Die autobiographische Literatur dokumentiert einerseits diese Erinnerungen, auch über die Lebenszeit hinaus, aber ordnet und reflektiert andrerseits die Erlebnisse für einen Dialog, der erst nach der Lektüre beginnt.
Die vorgestellten Texte sind zum größten Teil nur mehr in Bibliotheken zu erhalten. Auch wenn sie sich auf Autorinnen und Autoren beziehen, die dem Namen nach bekannt sind, sind ihre Zeitbezüge aus dem öffentlichen Bewußtsein verschwunden. Erinnerungen an Erinnerungen.

Der ernste Hintergrund schließt überraschend komische Seiten keineswegs aus.

Rudolf Kalmar 18.9.1900 -18.1.1974, Lerchengasse 4

Rudolf Kalmar studierte Rechts- und Staatswissenschaften an der Universität Wien und wandte sich schon früh dem Journalismus zu. Ab 1922 arbeitete er in der Tageszeitung "Der Wiener Tag", deren Chefredakteur er von 1934 bis zu seiner Verhaftung 1938 war. Nicht zuletzt aus politischen Gründen war er den Nazis verhaßt. Er wurde mit dem ersten Transport nach Dachau im April 1938 deportiert. Sein Bericht "Zeit ohne Gnade" über das Leben im KZ wurde 1946 veröffentlicht.

Ab 1945 arbeitete er in "Neues Österreich" und ab 1957 in der "Presse". Er wirkte auch als Präsident des Presseclubs Concordia.

Felix Salten (Siegmund Salzmann) 6.12.1869 - 8.10.1945, Kochgasse 22

Das Buch "Alte Menschen auf neuer Erde" entstand 1924nach einer Palästinafahrt, die Salten, von Theodor Herzl beeinflußt, unternahm. So naiv sich seine Auffassung später erwies, so mutig war sein Schritt, sich zum Zionismus zu bekennen. Der Text gibt auch Auskunft, daß der Zionismus unter dem britischen Protektorat vielfältiger ausgeprägt war, als es der Autor zunächst vermutete.

Elisabeth Freundlich 21.7.1906 - Florianigasse 55

Elisabeth Freundlich ist nicht nur die einzige lebende Schriftstellerin, die im literarischen Programm des Projektes "Verlorene Nachbarschaft" vertreten ist, sondern auch die einzige Frau unter den Literaten.

Nach ihrem Studium der Germanistik, Romanistik und Kunstgeschichte arbeitete sie als Regisseurin und Dramaturgin in Wien. Ab 1932/33 schrieb sie für die "Wiener Weltbühne", der ersten Exil-Variante der Berliner Zeitschrift "Die Weltbühne". 1938 emigrierte Freundlich nach Paris, 1940 mußte sie in die USA fliehen.

Gemeinsam mit ihrem Mann Günther Anders remigrierte sie 1950 nach Wien. In "die fahrenden Jahre" beschreibt sie auch die Schwierigkeiten, mit denen sie im Wien der Nachkriegszeit konfrontiert war, aber auch die Diskriminierung, die ihr als schreibende Frau widerfuhr. Eine Anerkennung als Autorin erfolgte erst in den 70er Jahren.


Geschichte

Geschichtliche Daten zur Neudeggergasse 12

Das Areal der Neudeggergasse gehörte seit Ende des 14. Jh. dem Hochstift Passau. Dieses "Neudeggerlehen" umfaßte auch Gebiete im heutigen 7. Bezirk. 1694 erwarben die Schotten diese Grundherrschaft.
Auf dem Gebiet der heutigen Neudeggergasse erstreckte sich das Besitztum des Johann Georg Altschaffer, eines kaiserlichen Rates und Stadtunterkämmerers. Später erwarb dieses Grundstück der berühmte Samtfabrikant Louis Henry, der in der Folge sein Besitztum parzellieren ließ. So wurden nach 1772 die Häuser in der Neudeggergasse erbaut.
Das Haus Nr. 12, "Zur goldenen Sonne" wurde 1777 errichtet und um die Jahrhundertwende abgerissen. 1903 entstand die Synagoge, ein gotischer Ziegelrohbau nach den Plänen von Max Fleischer.
Max Fleischer, geb. 29.3.1841 in Mähren, studierte an der Technischen Universität Wien und ab 1863 an der Akademie der bildenden Künste bei August von Siccardsburg und Eduard van der Nüll. Er war später im Architektenbüro des Rathauserbauers Friedrich Schmidt tätig. 1887 machte er sich selbständig. Er erbaute in Wien die Synagogen in der Neudeggergasse, Schmalzhofgasse, Müllnergasse sowie weitere in Budweis, Pilgram und Lundenburg.
Er wählte gotische Stilelemente, um die Einordnung des Judentums in die bürgerliche Kulturgesellschaft zu betonen.

Dr. Moritz Bauer

wurde 1968 in der Slowakei geboren,
heiratete 1898 Eugenie Abeles,
drei Kinder,
war ab der Einweihung der Synagoge im Jahre1903 als Gemeinderabbiner und Religionslehrer im Neudegger-Tempel tätig.
Ab 6. März 1939 angeblich nach Amerika abgemeldet.

Wer kann Angaben zu seinem Leben nach 1938, zu seinen Kindern Anna, Eduard und Fritz oder zu seinen Enkelkindern machen ?


Geschichtliche Daten zur Neudeggergasse 12

1930 war der Eigentümer der Tempelverein des 8.Bezirkes der Stadt Wien. Die Parzelle umfaßte 865 m2. Sie war geteilt in drei Bauflächen und eine Gartenfläche.
Am 16.Jänner 1939 wurde aufgrund einer öffentlichen Urkunde im Sinne § 33 des Grundbuchgesetzes (Bescheid des Reichskommissars für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich), zuständig für Vereine, Organisationen, Verbände, das Eigentumsrecht für die Mautner Markhof Brauerei Schwechat AG einverleibt.
17. September 1940: Aufgrund der Amtsbestätigung lautet der Name des Eigentümers nunmehr Brauerei Schwechat.
20. Februar 1948: Auf Beschluß der Rückstellungskommission beim Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien wird die Einleitung des Rückstellungsverfahrens angemerkt.
25.Juni 1948: Aufgrund des vollstreckbaren Teilerkenntnisses der Rückstellungskommission wird das Eigentumsrecht für die Israelitische Kultusgemeinde Wien einverleibt.
16. April 1953: Aufgrund des Kaufvertrages vom 19.und 26.Februar sowie 25.März 1953 wird das Eigentumsrecht für die Stadt Wien einverleibt. Heute hat das Areal 821 m2 Gesamtfläche, wovon eine Baufläche begrünt ist.

Geschichtliche Daten zur Synagoge

1897 erhielt Max Fleischer vom Vorstand des Tempelvereines den Auftrag, einen Plan zur Errichtung eines Tempels zu erstellen. Nach langer Suche und mühevollen Verhandlungen mit dem Magistrat wurde die Neudeggergasse 12 als Bauplatz fixiert.
Der zuständige Stadtrat lehnte jedoch das Projekt ab.
Erst nach jahrelangem Prozeß, der sämtliche Instanzen durchlief und nach der Erfüllung verschiedenster, wechselnder Auflagen konnte schließlich am 10.8.1903 mit dem Bau begonnen werden. Sechs Monate später war er fertig.
Die Baukosten wurden ausschließlich aus privaten Mitteln beglichen. In der Pogromnacht im November 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge zerstört, die Türen wurden vernagelt.
1940 wurde die Synagoge dem Erdboden gleichgemacht.



Feedback und Impressum

Meinungen, Reaktionen und Hinweise bitte an:

Verein IG-Neudeggergasse
c/o Dr. Hans Litsauer
Neudeggergasse 1
1080 Wien / AUSTRIA

Projektleitung:

Käthe Kratz
Neudeggergasse 14
1080 Wien

Dr. Hans Litsauer
Neudeggergasse 14
1080 Wien

Dipl.-Ing. Arch. Georg Schönfeld
Brucknerstraße 6
1040 Wien


Ehrenkomitee

Acht Vertreter des geistlichen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens haben spontan ihre Mitarbeit in einem Ehrenkomitee zugesagt.

Dr. Erhard BUSEK
Oberrabbiner Paul Chaim EISENBERG
Hofrat Paul GROSZ
Prof. Ruth KLÜGER
Superintendentin Mag. Gertraud KNOLL
Kardinal Dr. Franz KÖNIG
Univ.-Prof. Dr. Erika WEINZIERL
Dr. Helmut ZILK

Kardinal Dr. Franz KÖNIG:

"Wir alle haben die Pflicht, uns mit unserer Vergangenheit auseinanderzusetzen. Wer versucht, geschehenes Unrecht einfach zu vergessen, ist dazu verurteilt, es noch einmal zu durchleben. Man kann nicht aus der Geschichte lernen, wenn man gar nicht wissen will, was eigentlich geschehen ist. Aus diesem Grund erachte ich gerade Ihre menschlich berührende Aktion als sehr wichtig und notwendig, damit in einer hoffentlich besseren Zukunft in unserer einswerdenden Welt Platz für alle Menschen sein wird, um in Frieden miteinander zu leben."

Univ.-Prof. Dr. Erika WEINZIERL:

"Die 1903 innerhalb des Gürtels erbaute Synagoge war ein religiöses Zentrum für die Juden der umliegenden Bezirke. Wie die meisten anderen Wiener Synagogen wurde sie in der "Reichspogromnacht" vom 9./10. November 1938 von fanatischen Nationalsozialisten in Brand gesetzt. Daß eine Gruppe engagierter Bürger aus der Josefstadt zum 60jährigen Gedenken eine Abbildung der Fassade in Originalgröße in zwei Teilen links und rechts vor dem Ort, an dem die Synagoge gestanden ist, aufstellen und 18 einschlägige Veranstaltungen organisieren wird, ist ein bemerkenswertes Bekenntnis auch der Mitschuld der Wiener, die keine solidarische Nachbarschaft bewiesen, sondern dem Brand tatenlos zugeschaut haben. Dieses beachtliche Zeichen der Erinnerung hat mich veranlaßt, dem Ehrenkomitee beizutreten."


Spenden

Das Projekt des Vereins "IG Neudeggergasse" ist eine Privatinitiative, die von öffentlichen Stellen unterstützt wird. Ein Drittel des Budgets von rund 5,2 Millionen Schilling muß mit Hilfe von Sponsoren und Spenden finanziert werden. Kassier Dr. Hans Litsauer bittet daher Firmen und Privatpersonen, das Projekt als Proponenten zu unterstützen.

Unsere Kontonummer (Achtung: Daten nicht mehr gültig!):
Bank Austria
697 347 607
BLZ 20151


Wir danken folgenden Sponsoren, Proponenten und Spendern:

Sponsoren:
Ana Grand Hotel Wien
Austrian Airlines
Bank Austria
BM f. auswärtige Angelegenheiten
BM f. Inneres
BM f. Unterricht und Kunst
BM f. wirtschaftliche Angelegenheiten
BM f. Wissenschaft und Verkehr
Blow Up
Bösendorfer
Bundeskanzleramt
Europapier
Gerindruck
Gewista
Herndlhofer Gerüstbau Ges. m. b. H.
Hotel Altstadt Vienna
Kapsch
Österreichische Nationalbank
Österreichisches Verkehrsbüro
Scholdan & Company
Wiener Städtische Versicherung
Wiener Volksliedwerk
Wien Kultur

Proponenten:
Atelier Archiv Attersee
BAWAG
Komm.Rat Leopold Böhm
Dr.Helmut Bloech
Thomas Brezina
Dr.Heinrich Dürmayer
Eva Dürmayer und Josef Dax
Paul Ferstel
Christian Köck
Dr.Christian Leon
Dr.Michael Lugger
Christian Melicha
Mag.Sigrid Massenbauer
Mungo Film- u. Fernsehproduktionsg.m.b.H.
Österr.Lotterien
Dr.Christian Palmers
Christian Panigl
Erzbischof Dr.Christoph Schönborn
Peter Turrini

Weiters haben gespendet:
Maria Bill
Dian Film Anneliese Wiesler
Johanna Dohnal
Dr.Caspar Einem
Christa Esterhazy
Carmela Fink
BM Elisabeth Gehrer
H.K.Gruber
Peter Handke
Peter Huemer
Dr.Krista Jussenhoven
Dr.Kloess
Sandra Kreisler
Arch.Dipl.Ing.Rüdiger Lainer
Dr.Wolfgang Lieben-Seuter
Erni Mangold
Prof.Dr. Marcel Prawy
Louise Martini
Friederike Mayröcker
Henry Meisels
Univ.-Prof.Dr. Siegfried Meryn
Fritz Muliar
Elisabeth Orth
Dipl.Ing. Laurids Ortner
Anton Pelinka
Univ.-Prof.Dr. Franz X. Pesendorfer
Univ.Prof.Dr. Johannes Poigenfürst
Dr.Hugo Portisch
Chrysante Posch
SATEL Ges.m.b.H.
Dr. Theo Saxer
Roman Schlieser
Dkfm.Rudolf Schmutz
Mag. Heinrich Scholdan
Reinhard Schwabenitzky
Brigitte Schwaiger
Erwin Steinhauer
Urbanek
o.Univ.-Prof.Arch.Johannes Spalt
Andreas Vogelsinger
Dr.Michel Walter
Welsh

Impressum: Verein Betrifft: Neudeggergasse, ZVR-Nummer: 874631111, c/o Dr. Hans Litsauer, Neudeggergasse 1, 1080 Wien, Tel.: (+43) 0699/154 700 19, office@verlorene-nachbarschaft.at