Verlorene Nachbarschaft Buenos Aires - Wien 2008

Die Synagoge in Wien in der Neudeggergasse 1998

Die Synagoge in Buenos Aires 2008

 


"Gerade im heurigen Jahr, 70 Jahre nach dem "Anschluss" und der Pogromnacht, scheint es mir wichtig, dass eine bilaterale Gedenkveranstaltung zur Vertreibung und Ermordung der österreichischen Juden als gesamtkulturelles Projekt realisiert wird. Auf der Grundlage der wertvollen Projekterfahrungen aus dem Jahre 1998 kann das in Wien und Buenos Aires geplante Vorhaben VERLORENE NACHBARSCHAFT - BUENOS AIRES - WIEN 2008 im Sinne einer umfassenden Erinnerungsarbeit, wohl letztmalig mit betroffenen EmigrantenInnen, KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen, einen nachhaltigen Beitrag zur konkreten politischen Bildung leisten. Diese beispielhafte länderbergreifende Initiative, die den noch immer verdrängten Holocaust und die Massenemigration thematisiert, wird gerade mit der Partnerstadt Buenos Aires als ehemalige Einwanderungsmetropole für zahlreiche österreichische Juden und Jüdinnen eine einzigartige Bereicherung der in diesem Jahr stattfindenden Veranstaltungen zum "Gedenkjahr" 2008 darstellen. Als Zeit- und Wissenschaftshistoriker kann ich dieses Projekt in der Hoffnung auf breite Zustimmung und öffentliche Förderung nur begrüßen."


Univ. Prof. Dr. Friedrich Stadler, Professor for History and Philosophy of Science,
Institut für Philosophie und
Institut für Zeitgeschichte Universität Wien

 

Die Synagoge in der Neudeggergasse 1998

In Wien, im 8. Bezirk in der Neudeggergasse 12 steht einer jener kargen, dunkelgrau verwitterten Gemeindebauten, die ihre Geschichte auf den ersten Blick verraten; in den fünfziger Jahren, der "Nachkriegszeit" erbaut, mit spärlichen Mitteln, in Eile, ohne einen Blick nach links und rechts, ohne einen Blick zurück.
Am Gemeindebau ist eine Tafel befestigt. Man kann lesen, dass hier eine Synagoge stand, die im November 1938 zerstört wurde.
Die Synagoge war ein über die Maßen imposanter Bau, doppelt so groß wie die größeren Häuser dieser kleinen, beschaulichen Gasse. Ihre Türme haben in den Himmel geragt.
In der Pogromnacht im November 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge zerstört, die Türen wurden vernagelt.
1940 wurde sie dem Erdboden gleichgemacht.
Wir, der Verein "Betrifft: Neudeggergasse", sind Nachbarn und Nachbarinnen.
Wir wollten ein Zeichen der Erinnerung an die verlorene Nachbarschaft setzen.
Wir haben diesen, einst mächtigen Bau 1998, anlässlich des 60. Jahrestages der Pogromnacht, wiedererstehen lassen. Nicht auf Dauer, sondern für ein paar Wochen, als Bild auf einer Folie. Als Zeichen des Gedenkens wie des Respekts.

Wien 1998

Für 6 Wochen nahm die Synagoge wieder den Platz ein, den sie einmal innehatte. Ein Ort der Liturgie, der Besinnung, der Begegnung.
Wir haben "verlorene Nachbarn" in verschiedenen Kontinenten besucht, um ihre Geschichten zu erfahren und um diese Geschichten nach Wien zu bringen.
In einem Zelt vor der Synagoge fanden im Rahmen regelmäßiger Veranstaltungen Begegnungen zwischen eingeladenen Gästen aus dem In- und Ausland - Juden und Jüdinnen, die von hier fliehen mussten - und Menschen, die heute hier leben, statt.
Diese "Gästeabende" bildeten den Kern des Projekts.
Darüber hinaus gab es Konzerte, Lesungen, Filmvorführungen, Vorträge und Diskussionen.
Am Abend des 9.11.1998, sechzig Jahre nach der Nacht des Pogroms, wurde Abschied genommen und im Rahmen einer Feier des Gedenkens das Bild der Synagoge verdunkelt.
Ein äußerlich flüchtiges Projekt. Nachhaltig der Anspruch, ein kleines Stück gemeinsamer Geschichte im kollektiven Gedächtnis der Stadt zu verankern.
Im Rahmen von "Verlorene Nachbarschaft" erschienen eine Broschüre und ein gleichnamiges Buch.
Der Kino-Dokumentarfilm "Abschied ein Leben lang" von Käthe Kratz porträtiert, in Anlehnung an das Projekt, drei unserer Gäste.
Vertreter des geistlichen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens bildeten das Ehrenkomitee für das Projekt: Dr. Erhard Busek, Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg, Hofrat Paul Grosz, Dr. Ruth Klüger, Superintendentin Gertraud Knoll, Kardinal Dr. Franz König, Univ.-Prof. Dr. Erika Weinzierl, Dr. Helmut Zilk.

Buenos Aires 2008

Am 9.11.2008 jährt sich zum siebzigsten Mal die Nacht des Pogroms, eine Nacht, die in der Geschichte symbolisch für staatlich und sozial ausgeübten und ideologisch legitimierten Terror steht.
Diese Nacht steht für den Beginn eines unvergleichbaren Prozesses in der Geschichte der Menschheit, der alles darauf Folgende verändert hat. Sie steht für den Holocaust, die Shoa, die systematische Verfolgung von Juden und anderen Minderheiten in Europa.
Im Gedenken an die Pogromnacht 1938 wird das Projekt "VERLORENE NACHBARSCHAFT - BUENOS AIRES 2008" ebendort stattfinden.
Der Holocaust hat nicht nur das Leben von Jüdinnen und Juden, sondern von uns allen verändert. Er ist prägender Bestandteil unserer Geschichte und Gegenwart.
Für viele der Geflohenen und Vertriebenen war es lange Zeit, für manche von ihnen für immer unmöglich, auch nur für eine kurze Reise nach Wien zurückzukehren. Zu groß war oder ist der Schmerz, der Zorn über das erlittene Unrecht.
Diesen Menschen ist unser Projekt 2008 gewidmet.

Projektziele

Wir werden in Zusammenarbeit mit den Kultursekretariaten des argentinischen Staates, der Stadt Buenos Aires, lokalen jüdischen Vereinen, der österreichischen Botschaft, Künstler/innen, ehemaligen jüdischen Nachbar/innen und österreichischen Mitwirkenden aus Kultur und Wissenschaft eine Veranstaltungsreihe von zwei Wochen zum Gedenken an die Pogromnacht durchführen.
Besonderes Augenmerk soll den Fragen, die aus dem Gedenken entstehen, gewidmet werden:
"Wie entwickelte sich das jüdische Leben in Wien von 1945 bis heute?" "Auf welchem Boden konnte es wachsen?" "Wie ging das Leben für die Wiener jüdischen Emigrant/innen in Buenos Aires weiter?" "Was haben wir Nachfahren aus dem, was geschehen ist, gelernt? Was ist zu lernen, für Menschen in Wien und in Buenos Aires?" Als Veranstaltungsort haben wir nach einem Besuch in Buenos Aires den Parque Thays im Stadtteil Recoleta ausgewählt.
Für die Zeit unserer Veranstaltung wird in einem Zeltsystem hinter der Synagogenfassade ein Zentrum der Kommunikation und Information installiert werden. Die Synagoge, die im Rahmen unseres Projekts 1998 als Leinwand, zweigeteilt, wieder errichtet wurde, wird in Buenos Aires als ein klares, unübersehbares inhaltliches Zeichen wieder aufgestellt werden.

Warum dieses Projekt?

Die Erfahrungen von 1998 lassen den Schluss zu, dass das vorliegende Projekt in vielfacher Hinsicht bedeutsam ist. Zwei Hauptpunkte seien hier angeführt:
Das Erinnerungsbild, das viele der überlebenden Jüdinnen und Juden von Wien im Gedächtnis tragen und das sie ihren Nachkommen weiter geben, ist das einer Stadt, ihrer Heimatstadt, in der sie als Kinder gehasst, gedemütigt und - wenn sie Glück hatten - davongejagt wurden. Diesen Menschen gilt es die Botschaft zu übermitteln, dass ihre Geschichte nicht vergessen ist, dass es Menschen gibt, die bereit und daran interessiert sind, sich mit ihr auseinander zu setzen.
Zum anderen bedarf das in Buenos Aires offenbar weit verbreitete Bild, dass Österreich, im Speziellen Wien, nach wie vor oder wieder ein Hort für alte und neue Antisemiten ist, einer kritischen Korrektur. Es soll der Frage nachgegangen werden, wie die österreichische Gesellschaft seit 1945 den Umgang mit ihrer Vergangenheit gestaltet hat, wie es trotz jahrelanger Verdrängung des österreichischen Anteils an der Nazi-Schuld möglich war und ist, dass im heutigen Wien sowohl das Gedenken wie auch das gegenwärtige jüdische Leben wieder angemessenen Raum haben.

 

Impressum: Verein Betrifft: Neudeggergasse, ZVR-Nummer: 874631111, c/o Dr. Hans Litsauer, Neudeggergasse 1, 1080 Wien, Tel.: (+43) 0699/154 700 19, office@verlorene-nachbarschaft.at