Die
Synagoge in der Neudeggergasse 1998
In
Wien, im 8. Bezirk in der Neudeggergasse 12 steht einer jener kargen,
dunkelgrau verwitterten Gemeindebauten, die ihre Geschichte auf den
ersten Blick verraten; in den fünfziger Jahren, der "Nachkriegszeit"
erbaut, mit spärlichen Mitteln, in Eile, ohne einen Blick nach
links und rechts, ohne einen Blick zurück.
Am Gemeindebau ist eine Tafel befestigt. Man kann lesen, dass hier eine
Synagoge stand, die im November 1938 zerstört wurde.
Die Synagoge war ein über die Maßen imposanter Bau, doppelt
so groß wie die größeren Häuser dieser kleinen,
beschaulichen Gasse. Ihre Türme haben in den Himmel geragt.
In der Pogromnacht im November 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge
zerstört, die Türen wurden vernagelt.
1940 wurde sie dem Erdboden gleichgemacht.
Wir, der Verein "Betrifft: Neudeggergasse", sind Nachbarn
und Nachbarinnen.
Wir wollten ein Zeichen der Erinnerung an die verlorene Nachbarschaft
setzen.
Wir haben diesen, einst mächtigen Bau 1998, anlässlich des
60. Jahrestages der Pogromnacht, wiedererstehen lassen. Nicht auf Dauer,
sondern für ein paar Wochen, als Bild auf einer Folie. Als Zeichen
des Gedenkens wie des Respekts.
Wien
1998
Für
6 Wochen nahm die Synagoge wieder den Platz ein, den sie einmal innehatte.
Ein Ort der Liturgie, der Besinnung, der Begegnung.
Wir haben "verlorene Nachbarn" in verschiedenen Kontinenten
besucht, um ihre Geschichten zu erfahren und um diese Geschichten nach
Wien zu bringen.
In einem Zelt vor der Synagoge fanden im Rahmen regelmäßiger
Veranstaltungen Begegnungen zwischen eingeladenen Gästen aus dem
In- und Ausland - Juden und Jüdinnen, die von hier fliehen mussten
- und Menschen, die heute hier leben, statt.
Diese "Gästeabende" bildeten den Kern des Projekts.
Darüber hinaus gab es Konzerte, Lesungen, Filmvorführungen,
Vorträge und Diskussionen.
Am Abend des 9.11.1998, sechzig Jahre nach der Nacht des Pogroms, wurde
Abschied genommen und im Rahmen einer Feier des Gedenkens das Bild der
Synagoge verdunkelt.
Ein äußerlich flüchtiges Projekt. Nachhaltig der Anspruch,
ein kleines Stück gemeinsamer Geschichte im kollektiven Gedächtnis
der Stadt zu verankern.
Im Rahmen von "Verlorene Nachbarschaft" erschienen eine Broschüre
und ein gleichnamiges Buch.
Der Kino-Dokumentarfilm "Abschied ein Leben lang" von Käthe
Kratz porträtiert, in Anlehnung an das Projekt, drei unserer Gäste.
Vertreter des geistlichen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen
Lebens bildeten das Ehrenkomitee für das Projekt: Dr. Erhard Busek,
Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg, Hofrat Paul Grosz, Dr. Ruth Klüger,
Superintendentin Gertraud Knoll, Kardinal Dr. Franz König, Univ.-Prof.
Dr. Erika Weinzierl, Dr. Helmut Zilk.
Buenos
Aires 2008
Am
9.11.2008 jährt sich zum siebzigsten Mal die Nacht des Pogroms,
eine Nacht, die in der Geschichte symbolisch für staatlich und
sozial ausgeübten und ideologisch legitimierten Terror steht.
Diese Nacht steht für den Beginn eines unvergleichbaren Prozesses
in der Geschichte der Menschheit, der alles darauf Folgende verändert
hat. Sie steht für den Holocaust, die Shoa, die systematische Verfolgung
von Juden und anderen Minderheiten in Europa.
Im Gedenken an die Pogromnacht 1938 wird das Projekt "VERLORENE
NACHBARSCHAFT - BUENOS AIRES 2008" ebendort stattfinden.
Der Holocaust hat nicht nur das Leben von Jüdinnen und Juden, sondern
von uns allen verändert. Er ist prägender Bestandteil unserer
Geschichte und Gegenwart.
Für viele der Geflohenen und Vertriebenen war es lange Zeit, für
manche von ihnen für immer unmöglich, auch nur für eine
kurze Reise nach Wien zurückzukehren. Zu groß war oder ist
der Schmerz, der Zorn über das erlittene Unrecht.
Diesen Menschen ist unser Projekt 2008 gewidmet.
Projektziele
Wir
werden in Zusammenarbeit mit den Kultursekretariaten des argentinischen
Staates, der Stadt Buenos Aires, lokalen jüdischen Vereinen, der
österreichischen Botschaft, Künstler/innen, ehemaligen jüdischen
Nachbar/innen und österreichischen Mitwirkenden aus Kultur und
Wissenschaft eine Veranstaltungsreihe von zwei Wochen zum Gedenken an
die Pogromnacht durchführen.
Besonderes Augenmerk soll den Fragen, die aus dem Gedenken entstehen,
gewidmet werden:
"Wie entwickelte sich das jüdische Leben in Wien von 1945
bis heute?" "Auf welchem Boden konnte es wachsen?" "Wie
ging das Leben für die Wiener jüdischen Emigrant/innen in
Buenos Aires weiter?" "Was haben wir Nachfahren aus dem, was
geschehen ist, gelernt? Was ist zu lernen, für Menschen in Wien
und in Buenos Aires?" Als Veranstaltungsort haben wir nach einem
Besuch in Buenos Aires den Parque Thays im Stadtteil Recoleta ausgewählt.
Für die Zeit unserer Veranstaltung wird in einem Zeltsystem hinter
der Synagogenfassade ein Zentrum der Kommunikation und Information installiert
werden. Die Synagoge, die im Rahmen unseres Projekts 1998 als Leinwand,
zweigeteilt, wieder errichtet wurde, wird in Buenos Aires als ein klares,
unübersehbares inhaltliches Zeichen wieder aufgestellt werden.
Warum
dieses Projekt?
Die
Erfahrungen von 1998 lassen den Schluss zu, dass das vorliegende Projekt
in vielfacher Hinsicht bedeutsam ist. Zwei Hauptpunkte seien hier angeführt:
Das Erinnerungsbild, das viele der überlebenden Jüdinnen und
Juden von Wien im Gedächtnis tragen und das sie ihren Nachkommen
weiter geben, ist das einer Stadt, ihrer Heimatstadt, in der sie als
Kinder gehasst, gedemütigt und - wenn sie Glück hatten - davongejagt
wurden. Diesen Menschen gilt es die Botschaft zu übermitteln, dass
ihre Geschichte nicht vergessen ist, dass es Menschen gibt, die bereit
und daran interessiert sind, sich mit ihr auseinander zu setzen.
Zum anderen bedarf das in Buenos Aires offenbar weit verbreitete Bild,
dass Österreich, im Speziellen Wien, nach wie vor oder wieder ein
Hort für alte und neue Antisemiten ist, einer kritischen Korrektur.
Es soll der Frage nachgegangen werden, wie die österreichische
Gesellschaft seit 1945 den Umgang mit ihrer Vergangenheit gestaltet
hat, wie es trotz jahrelanger Verdrängung des österreichischen
Anteils an der Nazi-Schuld möglich war und ist, dass im heutigen
Wien sowohl das Gedenken wie auch das gegenwärtige jüdische
Leben wieder angemessenen Raum haben.