Verlorene Nachbarschaft Buenos Aires - Wien 2008

Projektbeschreibung

 



"Nach dem März 1938 haben nicht wenige verfolgte Juden und Jüdinnen in Buenos Aires Zuflucht gefunden.
Die Lebensverhältnisse in Argentinien waren keineswegs einfach, vor allem ist das Land
in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts von schmerzlichen faschistischen Diktaturen und wirtschaftlichen Problemen heimgesucht worden. 'Dazwischen' hat es sicher Perioden der Ruhe und des Wohlstands gegeben. Die österreichischen Emigranten und Emigrantinnen müssen so ganz besondere Erfahrungen gemacht haben. Ich denke, dass es für uns in Wien besonders interessant ist, davon zu hören."

Dr. Clemens Jabloner, Präsident des Verwaltungsgerichtshofes

 

DAS PROJEKT

Am 9.11.2008 jährt sich zum siebzigsten Mal die Nacht des Pogroms, eine Nacht, die in der Geschichte symbolisch für staatlich und sozial ausgeübten und ideologisch legitimierten Terror steht.
Diese Nacht steht für den Beginn eines unvergleichbaren Prozesses in der Geschichte der Menschheit, der alles darauf Folgende verändert hat. Sie steht für den Holocaust, die Shoa, die systematische Verfolgung von Jüdinnen und Juden und anderen Minderheiten in Europa.
Im Gedenken an die Pogromnacht 1938 wird das Projekt "VERLORENE NACHBARSCHAFT - BUENOS AIRES 2008" ebendort stattfinden.
Es soll eine kulturelle Begegnung von Wien und Buenos Aires werden, eine Geste der Reflexion über die Vergangenheit und die Gegenwart beider Städte. Es ist die Fortsetzung eines Projekts, das wir mit viel Erfolg 1998 verwirklicht haben.
Für viele der Geflohenen und Vertriebenen war es lange Zeit, für manche von ihnen für immer, unmöglich, auch nur für eine kurze Reise nach Wien zurückzukehren. Zu groß war oder ist der Schmerz, der Zorn über das erlittene Unrecht.
Der Holocaust hat nicht nur das Leben von Jüdinnen und Juden, sondern von uns allen verändert. Er ist prägender Bestandteil unserer Geschichte und Gegenwart. Viele der Zeitzeugen sind leider schon verstorben. Diejenigen, die noch leben sind schon sehr alt und es bleibt nicht mehr viel Zeit, mit ihnen gemeinsam ein derartiges Projekt der Vergangenheitsbewältigung und Versöhnung zu gestalten.

Diesen Menschen ist unser Projekt VERLORENE NACHBARSCHAFT - BUENOS AIRES 2008 gewidmet.

PROJEKTZIELE

Wir werden in Zusammenarbeit mit den Kultursekretariaten des argentinischen Staates, der Stadt Buenos Aires, lokalen jüdischen Vereinen, der österreichischen Botschaft, Künstler/innen, ehemaligen jüdischen Nachbar/innen und österreichischen Mitwirkenden aus Kultur und Wissenschaft eine Veranstaltungsreihe von zwei Wochen zum Gedenken an die Pogromnacht durchführen.
Besonderes Augenmerk soll den Fragen, die aus dem Gedenken entstehen, gewidmet werden:
"Wie entwickelte sich das jüdische Leben in Wien von 1945 bis heute?" "Auf welchem Boden konnte es wachsen?" "Wie ging das Leben für die Wiener jüdischen Emigrant/innen in Buenos Aires weiter?" "Was haben wir Nachfahren aus dem, was geschehen ist, gelernt? Was ist zu lernen, für Menschen in Wien und in Buenos Aires?"

BUENOS AIRES

Als Veranstaltungsort haben wir nach einem Besuch in Buenos Aires den Parque Thays im Stadtteil Recoleta ausgewählt.
Für die Zeit unserer Veranstaltung wird in einem Zeltsystem hinter der Synagogenfassade ein Zentrum der Kommunikation und Information installiert werden. Die Synagoge, die im Rahmen unseres Projekts 1998 als Leinwand, zweigeteilt, wieder errichtet wurde, wird in Buenos Aires als ein klares, unübersehbares inhaltliches Zeichen wieder aufgestellt werden.
In Zusammenarbeit mit Pädagogen und einigen Schulen in Buenos Aires werden diverse Bildungsaktivitäten für verschiedene Altersstufen in Argentinien entwickelt. Parallel dazu wird vom IUNA (dem Nationalen Universitären Kunstinstitut) ein Kurzfilmfestival zum Thema "Verlorene Nachbarschaft" ausgeschrieben (auch Argentinien hat "Verlorene Nachbarn" aus der Militärdiktatur), bei dem Studierende und Filmschaffende aufgerufen werden, Kurzfilme zum Thema zu präsentieren. Eine Auswahl dieser Kurzfilme wird im Rahmen unserer Veranstaltungen präsentiert und gewürdigt werden.

WIEN - TELECAFÈ

Begleitend zur Veranstaltungsreihe in Buenos Aires wird in Wien ein Telecafé eingerichtet.
Basierend auf einer professionellen TelePresence-Lösung und unter Benutzung der internationalen Wissenschaftsnetz-Verbindungen wird ein Kaffeehaus in Buenos Aires (Veranstaltungszelt) und Wien (ORF KulturCafe) virtuell miteinander verbunden. Dabei gibt es einen "gemeinsamen" Kaffeehaustisch an dem zumindest je ein Gast Platz nehmen kann und mit seinem Gegenüber am jeweils anderen Kontinent so kommuniziert, als säßen sie im gleichen Kaffeehaus. Die Unterhaltung soll wahlweise privat oder öffentlich geführt werden können. Zu bestimmten Zeiten könnten über diese Infrastruktur auch projektbezogene Veranstaltungen an den jeweils anderen Standort übertragen werden.

Warum dieses Projekt?

Die Erfahrungen von 1998 lassen den Schluss zu, dass das vorliegende Projekt in vielfacher Hinsicht bedeutsam ist. Zwei Hauptpunkte seien hier angeführt:
Das Erinnerungsbild, das viele der überlebenden Jüdinnen und Juden von Wien im Gedächtnis tragen und das sie ihren Nachkommen weiter geben, ist das einer Stadt, ihrer Heimatstadt, in der sie als Kinder gehasst, gedemütigt und - wenn sie Glück hatten - davongejagt wurden. Diesen Menschen gilt es die Botschaft zu übermitteln, dass ihre Geschichte nicht vergessen ist, dass es Menschen gibt, die bereit und daran interessiert sind, sich mit ihr auseinander zu setzen.
Zum anderen bedarf das in Buenos Aires offenbar weit verbreitete Bild, dass Österreich, im Speziellen Wien, nach wie vor oder wieder ein Hort für alte und neue Antisemiten ist, einer kritischen Korrektur. Es soll der Frage nachgegangen werden, wie die österreichische Gesellschaft seit 1945 den Umgang mit ihrer Vergangenheit gestaltet hat, wie es trotz jahrelanger Verdrängung des österreichischen Anteils an der Nazi-Schuld möglich war und ist, dass im heutigen Wien sowohl das Gedenken wie auch das gegenwärtige jüdische Leben wieder angemessenen Raum haben.

Warum Buenos Aires?

Im Rahmen des genannten Gedenk-Projekts machten wir 1998 die Erfahrung, dass unsere jüdischen Gäste aus Israel und den USA in den vergangenen Jahrzehnten Möglichkeiten gefunden hatten, sich mit den traumatisierenden Erlebnissen nach 1938 öffentlich oder privat auseinander zu setzen. Nicht so in Argentinien. Dies erzählt zum Einen etwas über die argentinische Gesellschaft, zum anderen wohl auch über ein mangelndes Interesse von österreichischer Seite an den Menschen, die so fernab der medialen Aufmerksamkeit leben.
Unser Vorhaben, das für 2008 geplant ist, hat in dieser Form also noch nie in Buenos Aires bzw. ganz Südamerika stattgefunden.
Einer unserer Projektmitarbeiter lebt seit einigen Jahren in Buenos Aires, so dass wir bereits argentinische Kontakte aufgebaut haben bzw. Vorarbeiten zu dem geplanten Projekt in Buenos Aires stattgefunden haben.
Buenos Aires, eine historische Einwanderungsstadt, war das Ziel vieler österreichisch-jüdischer Emigrant/innen während und bereits vor dem Zweiten Weltkrieg. Es ist die "europäischste" Metropole in Südamerika. Hier lebt die größte jüdische Gemeinde Südamerikas, ihre Kultur hat viel zum heutigen Flair von Buenos Aires beigetragen. Orthodoxe Juden gehören fest zum Stadtbild, so wie es wohl früher in Wien und anderen europäischen Städten war.
Viele emigrierte Jüdinnen und Juden kamen über andere Stationen wie Bolivien, Paraguay, Peru oder Uruguay nach Argentinien. Warum war also gerade Buenos Aires das Ziel so vieler jüdischer Emigrant/innen, obwohl politisch damals sehr viel dagegen sprach?
Sie flüchteten vor einer grausamen Diktatur nach Argentinien, wo sie mit einem autoritären und teilweise antisemitisch geprägten Regime konfrontiert waren.

Im Stadtteil Belgrano im Norden von Buenos Aires hatte sich eine deutschsprachig-jüdische Gemeinde gebildet. Das "Grätzl"-Leben hat sich dort erhalten, was für diese Riesenstadt sehr untypisch ist. Man spricht weiterhin Deutsch und man liest weiterhin auf Deutsch. Jedes der wenigen Signale, die aus Wien kommen, wird mit großem Interesse wahrgenommen.

Vielleicht sind die prägnanten Worte von Curtis Brown, einem ehemaligen Nachbarn und Gast von 1998, die Antwort: "Man kann einen Menschen aus Wien herausnehmen, aber nicht Wien aus einem Menschen."
Dieser nostalgisch-versöhnlichen Haltung entgegen steht eine Aussage von Felix Friedenbach, einem ehemaligen Bewohner des achten Bezirks und heutigem Bewohner von Buenos Aires, der es trotz unserer Einladung nicht übers Herz brachte, nach Wien zu reisen:


"Was natürlich nie zugeheilt ist, ist meine unglückliche Liebe zu Wien. Und dieses Gefühl heute ist das, was ich nicht überwinden kann. [... ] Warum musste ich alle meine Zelte abbrechen und hier leben wie eine Pflanze, die ausgerissen wird und die dann woanders nicht mehr Fuß fassen kann und nicht gedeiht?"

Die wissenschaftlichen Grundlagen des Projektes

Die Wurzeln des Projektes

Der Verein "Betrifft Neudeggergasse"


Impressum: Verein Betrifft: Neudeggergasse, c/o Dr. Hans Litsauer, Neudeggergasse 1, 1080 Wien, Tel.: (+43) 0699/154 700 19, office@verlorene-nachbarschaft.at

 

Ehrenschutz

Der Ehrenschutz für "Verlorene Nachbarschaft - Buenos Aires 2008" wird von den Präsidenten Argentiniens und Österreichs übernommen:

Dra. Cristina Fernández de Kirchner
Staatspräsidentin der Republik Argentinien

Dr. Heinz Fischer
Bundespräsident der Republik Österreich

Ehrenkomitee

Mitglieder aus Argentinien

Eugenio Maria Curia, Botschafter der
Republik Argentinien in Österreich

Aldo Donzis, Präs. der DAIA
Dachverband jüdischer Vereine in Argentinien

Dr. José Nun, Secretario de Cultura
Presidencia de la Nación

Mitglieder aus Österreich

Mag. Barbara Prammer,
Nationalratspräsidentin

Dr. Brigitte Bailer-Galanda


Oberrabbiner Paul Eisenberg

Dr. Gudrun Graf, Botschafterin der
Republik Österreich in Argentinien


Dr. Clemens Jabloner
, Präsident d. VWGH

Freda Meissner-Blau

Dr. Ariel Muzicant, Präsident d. israelit.
Kultusgemeinde



Bundesministerin Dr. Ursula Plassnik


Dr. Rudolf Scholten


Otto Tausig


Dr. Franz Vranitzky


Univ. Prof. Dr. Erika Weinzierl


Dr. Leon Zelman


Dr. Helmut Zilk †