DAS
PROJEKT
Am
9.11.2008 jährt sich zum siebzigsten Mal die Nacht des Pogroms,
eine Nacht, die in der Geschichte symbolisch für staatlich und
sozial ausgeübten und ideologisch legitimierten Terror steht.
Diese
Nacht steht für den Beginn eines unvergleichbaren Prozesses in
der Geschichte der Menschheit, der alles darauf Folgende verändert
hat. Sie steht für den Holocaust, die Shoa, die systematische Verfolgung
von Jüdinnen und Juden und anderen Minderheiten in Europa.
Im Gedenken an die Pogromnacht 1938 wird das Projekt "VERLORENE
NACHBARSCHAFT - BUENOS AIRES 2008" ebendort stattfinden.
Es soll eine kulturelle Begegnung von Wien und Buenos Aires werden,
eine Geste der Reflexion über die Vergangenheit und die Gegenwart
beider Städte. Es ist die Fortsetzung eines Projekts, das wir mit
viel Erfolg 1998 verwirklicht haben.
Für viele der Geflohenen und Vertriebenen war es lange Zeit, für
manche von ihnen für immer, unmöglich, auch nur für eine
kurze Reise nach Wien zurückzukehren. Zu groß war oder ist
der Schmerz, der Zorn über das erlittene Unrecht.
Der Holocaust hat nicht nur das Leben von Jüdinnen und Juden, sondern
von uns allen verändert. Er ist prägender Bestandteil unserer
Geschichte und Gegenwart. Viele der Zeitzeugen sind leider schon verstorben.
Diejenigen, die noch leben sind schon sehr alt und es bleibt nicht mehr
viel Zeit, mit ihnen gemeinsam ein derartiges Projekt der Vergangenheitsbewältigung
und Versöhnung zu gestalten.
Diesen
Menschen ist unser Projekt VERLORENE NACHBARSCHAFT - BUENOS AIRES 2008
gewidmet.
PROJEKTZIELE
Wir
werden in Zusammenarbeit mit den Kultursekretariaten des argentinischen
Staates, der Stadt Buenos Aires, lokalen jüdischen Vereinen, der
österreichischen Botschaft, Künstler/innen, ehemaligen jüdischen
Nachbar/innen und österreichischen Mitwirkenden aus Kultur und
Wissenschaft eine Veranstaltungsreihe von zwei Wochen zum Gedenken an
die Pogromnacht durchführen.
Besonderes Augenmerk soll den Fragen, die aus dem Gedenken entstehen,
gewidmet werden:
"Wie entwickelte sich das jüdische Leben in Wien von 1945
bis heute?" "Auf welchem Boden konnte es wachsen?" "Wie
ging das Leben für die Wiener jüdischen Emigrant/innen in
Buenos Aires weiter?" "Was haben wir Nachfahren aus dem, was
geschehen ist, gelernt? Was ist zu lernen, für Menschen in Wien
und in Buenos Aires?"
BUENOS
AIRES
Als Veranstaltungsort haben wir nach einem Besuch in Buenos Aires den
Parque Thays im Stadtteil Recoleta ausgewählt.
Für die Zeit unserer Veranstaltung wird in einem Zeltsystem hinter
der Synagogenfassade ein Zentrum der Kommunikation und Information installiert
werden. Die Synagoge, die im Rahmen unseres Projekts 1998 als Leinwand,
zweigeteilt, wieder errichtet wurde, wird in Buenos Aires als ein klares,
unübersehbares inhaltliches Zeichen wieder aufgestellt werden.
In Zusammenarbeit mit Pädagogen und einigen Schulen in Buenos Aires
werden diverse Bildungsaktivitäten für verschiedene Altersstufen
in Argentinien entwickelt. Parallel dazu wird vom IUNA (dem Nationalen
Universitären Kunstinstitut) ein Kurzfilmfestival zum Thema "Verlorene
Nachbarschaft" ausgeschrieben (auch Argentinien hat "Verlorene
Nachbarn" aus der Militärdiktatur), bei dem Studierende und
Filmschaffende aufgerufen werden, Kurzfilme zum Thema zu präsentieren.
Eine Auswahl dieser Kurzfilme wird im Rahmen unserer Veranstaltungen
präsentiert und gewürdigt werden.
WIEN
- TELECAFÈ
Begleitend
zur Veranstaltungsreihe in Buenos Aires wird in Wien ein Telecafé
eingerichtet.
Basierend
auf einer professionellen TelePresence-Lösung und unter Benutzung
der internationalen Wissenschaftsnetz-Verbindungen wird ein Kaffeehaus
in Buenos Aires (Veranstaltungszelt) und Wien (ORF KulturCafe) virtuell
miteinander verbunden. Dabei gibt es einen "gemeinsamen" Kaffeehaustisch
an dem zumindest je ein Gast Platz nehmen kann und mit seinem Gegenüber
am jeweils anderen Kontinent so kommuniziert, als säßen sie
im gleichen Kaffeehaus. Die Unterhaltung soll wahlweise privat oder
öffentlich geführt werden können. Zu bestimmten Zeiten
könnten über diese Infrastruktur auch projektbezogene Veranstaltungen
an den jeweils anderen Standort übertragen werden.
Warum
dieses Projekt?
Die
Erfahrungen von 1998 lassen den Schluss zu, dass das vorliegende Projekt
in vielfacher Hinsicht bedeutsam ist. Zwei Hauptpunkte seien hier angeführt:
Das Erinnerungsbild, das viele der überlebenden Jüdinnen und
Juden von Wien im Gedächtnis tragen und das sie ihren Nachkommen
weiter geben, ist das einer Stadt, ihrer Heimatstadt, in der sie als
Kinder gehasst, gedemütigt und - wenn sie Glück hatten - davongejagt
wurden. Diesen Menschen gilt es die Botschaft zu übermitteln, dass
ihre Geschichte nicht vergessen ist, dass es Menschen gibt, die bereit
und daran interessiert sind, sich mit ihr auseinander zu setzen.
Zum anderen bedarf das in Buenos Aires offenbar weit verbreitete Bild,
dass Österreich, im Speziellen Wien, nach wie vor oder wieder ein
Hort für alte und neue Antisemiten ist, einer kritischen Korrektur.
Es soll der Frage nachgegangen werden, wie die österreichische
Gesellschaft seit 1945 den Umgang mit ihrer Vergangenheit gestaltet
hat, wie es trotz jahrelanger Verdrängung des österreichischen
Anteils an der Nazi-Schuld möglich war und ist, dass im heutigen
Wien sowohl das Gedenken wie auch das gegenwärtige jüdische
Leben wieder angemessenen Raum haben.
Warum
Buenos Aires?
Im
Rahmen des genannten Gedenk-Projekts machten wir 1998 die Erfahrung,
dass unsere jüdischen Gäste aus Israel und den USA in den
vergangenen Jahrzehnten Möglichkeiten gefunden hatten, sich mit
den traumatisierenden Erlebnissen nach 1938 öffentlich oder privat
auseinander zu setzen. Nicht so in Argentinien. Dies erzählt zum
Einen etwas über die argentinische Gesellschaft, zum anderen wohl
auch über ein mangelndes Interesse von österreichischer Seite
an den Menschen, die so fernab der medialen Aufmerksamkeit leben.
Unser Vorhaben, das für 2008 geplant ist, hat in dieser Form also
noch nie in Buenos Aires bzw. ganz Südamerika stattgefunden.
Einer unserer Projektmitarbeiter lebt seit einigen Jahren in Buenos
Aires, so dass wir bereits argentinische Kontakte aufgebaut haben bzw.
Vorarbeiten zu dem geplanten Projekt in Buenos Aires stattgefunden haben.
Buenos Aires, eine historische Einwanderungsstadt, war das Ziel vieler
österreichisch-jüdischer Emigrant/innen während und bereits
vor dem Zweiten Weltkrieg. Es ist die "europäischste"
Metropole in Südamerika. Hier lebt die größte jüdische
Gemeinde Südamerikas, ihre Kultur hat viel zum heutigen Flair von
Buenos Aires beigetragen. Orthodoxe Juden gehören fest zum Stadtbild,
so wie es wohl früher in Wien und anderen europäischen Städten
war.
Viele emigrierte Jüdinnen und Juden kamen über andere Stationen
wie Bolivien, Paraguay, Peru oder Uruguay nach Argentinien. Warum war
also gerade Buenos Aires das Ziel so vieler jüdischer Emigrant/innen,
obwohl politisch damals sehr viel dagegen sprach?
Sie flüchteten vor einer grausamen Diktatur nach Argentinien, wo
sie mit einem autoritären und teilweise antisemitisch geprägten
Regime konfrontiert waren.
Im
Stadtteil Belgrano im Norden von Buenos Aires hatte sich eine deutschsprachig-jüdische
Gemeinde gebildet. Das "Grätzl"-Leben hat sich dort erhalten,
was für diese Riesenstadt sehr untypisch ist. Man spricht weiterhin
Deutsch und man liest weiterhin auf Deutsch. Jedes der wenigen Signale,
die aus Wien kommen, wird mit großem Interesse wahrgenommen.
Vielleicht
sind die prägnanten Worte von Curtis Brown, einem ehemaligen Nachbarn
und Gast von 1998, die Antwort: "Man kann einen Menschen aus Wien
herausnehmen, aber nicht Wien aus einem Menschen."
Dieser nostalgisch-versöhnlichen Haltung entgegen steht eine Aussage
von Felix Friedenbach, einem ehemaligen Bewohner des achten Bezirks
und heutigem Bewohner von Buenos Aires, der es trotz unserer Einladung
nicht übers Herz brachte, nach Wien zu reisen:
"Was natürlich nie zugeheilt ist, ist meine unglückliche
Liebe zu Wien. Und dieses Gefühl heute ist das, was ich nicht überwinden
kann. [... ] Warum musste ich alle meine Zelte abbrechen und hier leben
wie eine Pflanze, die ausgerissen wird und die dann woanders nicht mehr
Fuß fassen kann und nicht gedeiht?"
Die
wissenschaftlichen Grundlagen des Projektes
Die
Wurzeln des Projektes
Der
Verein "Betrifft Neudeggergasse"
Impressum:
Verein
Betrifft: Neudeggergasse, c/o Dr. Hans Litsauer, Neudeggergasse 1, 1080
Wien, Tel.: (+43) 0699/154 700 19, office@verlorene-nachbarschaft.at